01.07.2019

Wilhelm Schmid

Hand aufs Herz und nun mal ehrlich: hast du schon mal auf Tinder einen Like oder Dislike für eine Person vergeben? Falls nicht, kommt hier eine kurze Erklärung: auf dem Handydisplay erscheint ein Foto einer Person. Du kannst nun nach links (dislike) oder nach rechts (like) wischen. Dadurch kannst du eine Person direkt nach ihrer Attraktivität beurteilen.

Attraktivität: ein kostbares Gut

Das Wischprinzip hält mittlerweile in immer mehr Bereichen Einzug. Die Jobplattform Hokify z.B. gibt Jobsuchenden und Jobbietenden die Möglichkeit, über das Tinderprinzip einen Match und dadurch einen ersten Kontakt herzustellen. Aber auch wir von TOWA haben für Bodensee Vorarlberg eine App nach dem Tinderprinzip gebaut, bei der UrlauberInnen verschiedene Aktivitäten vorgeschlagen bekommen, die sie in kurzer Zeit liken oder disliken können.

Doch nicht nur auf Tinder & Co. zählt immer mehr die Geschwindigkeit. Auch wenn wir auf Webseiten oder in sozialen Netzwerken surfen, fangen wir sofort an, rauf- und runterzuscrollen. Dadurch möchten wir uns so schnell wie möglich einen ersten Eindruck einer Seite machen. Auf Facebook scrollen wir beispielsweise jede Woche durchschnittlich über 96 Meter Inhalt rauf und runter. 96 Meter sind mehr als der Big Ben in London hoch ist.

Was man von Tinder für die eigene Webseite lernen kann

Und wie bereits beim letzten Blogbeitrag von uns erwähnt, verbringen wir nur sehr wenig Zeit auf einer Webseite, bevor wir wieder abspringen: ein Großteil der WebseitenbesucherInnen nämlich weniger als 15 Sekunden. Der erste Eindruck einer Website zählt – oder wie man mit Bezug auf Tinder noch sagen könnte: entweder man findet die große Liebe auf den ersten Blick oder man sucht gleich weiter.

Doch wie lange dauert dieser erste Blick, den wir benötigen, um uns einen Eindruck von einer Webseite zu machen? Die ForscherInnen Lindgaard et al. (2006) sind dieser Frage nachgegangen und haben Verblüffendes herausgefunden. Wir können die Attraktivität einer Website innerhalb von 50 Millisekunden einschätzen. Und – Achtung – nun kommt die schlechte Nachricht für alle, die beim Flirten anderen Personen gerne mit dem Auge zuzwinkern: für einmal Zwinkern brauchen wir 200–300 Millisekunden. Dies bedeutet, dass wir fürs Zwinkern 4–6 Mal länger brauchen als für das Gewinnen eines ersten Eindrucks einer Webseite. Und dieser Eindruck ändert sich nicht mehr, auch wenn wir später mehr Zeit haben, die Webseite genauer anzuschauen. Es braucht also eine bessere Strategie, um gleich auf den ersten Blick Eindruck zu hinterlassen, sowohl beim Flirten als auch auf einer Webseite.

Über Attraktivität Eindruck schaffen

Wie kann es also gelingen, mit einer Webseite innerhalb von kürzester Zeit einen positiven Eindruck zu erwecken? Ähnlich wie bei Tinder lautet auch hier die Antwort: über Attraktivität. Und nein, es ist nicht die Attraktivität, an die du gerade denkst. Wir werden also keine Tipps geben, wie man Fotos machen sollte, damit man besser aussieht als in echt.

Stattdessen möchten wir auf eine Untersuchung aufmerksam machen, bei der die ForscherInnen Reinecke und Gayos (2014) über 2.4 Millionen Webseitenbewertungen von 40.000 Personen ausgewertet haben, um die Attraktivität von Webseiten zu beurteilen. Das Ergebnis: es gibt genau 2 Eigenschaften einer Webseite, die man innerhalb von Millisekunden beurteilen kann, nämlich die Buntheit und die Komplexität der Webseite.

Eine Webseite wird als umso bunter wahrgenommen, je höher die Anzahl unterschiedlicher Farben ist und je mehr Komplementärfarben (z.B. rot und grün) verwendet werden. Und eine Website wird als umso komplexer wahrgenommen, je mehr unterschiedliche Textfelder auf der Seite vorhanden sind und je asymmetrischer diese Textfelder verteilt sind.

Bei der Buntheit einer Webseite ist es wichtig, dass sie weder zu wenig bunt noch zu bunt ist. Und das Gleiche gilt auch für die Komplexität einer Webseite. Allerdings kann man deutlich mehr falsch machen, wenn eine Website zu komplex ist als wenn sie zu bunt ist, da zu komplexe Webseiten eindeutig am unattraktivsten sind, siehe untenstehende Graphik.

Besser bunt als komplex: zählt das auch in der Liebe?

Der erste Eindruck: eine Frage des Geschmacks

Ob diese Erkenntnisse auch auf Tinder übertragbar sind, sei mal dahingestellt. Eine Parallele, die man von der Attraktivität von Tinder-Fotos zur Attraktivität von Webseiten jedoch ziehen kann, ist die Tatsache, dass Geschmäcker verschieden sind. Dies bezieht sich sowohl auf das Alter (ältere Menschen finden komplexere Webseiten attraktiver) als auch auf den kulturellen Kontext (z.B. finden MexikanerInnen sehr bunte Webseiten deutlich attraktiver als Deutsche). Um für WebseitenbesucherInnen attraktiv zu sein, gilt es daher, mehr über die Präferenzen der jeweiligen Zielgruppe herauszufinden und die Webseiten auf diese Präferenzen zuzuschneiden. Wenn wir diese Erkenntnisse nun auf Tinder übertragen wollen, bedeutet dies, dass wir uns fragen sollten, für welche Zielgruppe wir attraktiv sein wollen und unsere Fotos dementsprechend auswählen. Die Frage, ob das Sinn macht oder nicht, lassen wir an dieser Stelle mal offen. Falls dieser Tipp jemandem jedoch zur großen Liebe verhelfen sollte, freut es uns natürlich trotzdem.

Nun aber zurück zum ursprünglichen Thema: Der Datensatz von Reinecke und Gayos (2014) bietet einen sehr guten Anhaltspunkt, wie die Buntheit und Komplexität einer Website auf eine bestimmte Zielgruppe angepasst werden sollte, damit die BesucherInnen einen positiven ersten Eindruck gewinnen. Dieser Eindruck hält auch dann an, wenn die BesucherInnen mehr Zeit zum Durchstöbern der Seite haben und verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die BesucherInnen gleich wieder abspringen.

Als letztes möchten wir aber noch zwei weitere positive Aspekte erwähnen, die eine attraktive Webseite mit sich bringt. Zum einen wird die Vertrauenswürdigkeit von attraktiveren Webseiten besser eingeschätzt. Zum anderen wird aber auch die Usability von attraktiveren Webseiten besser bewertet. Und was eine bessere Usability bei Tindermatches bedeuten könnte…nun gut, jetzt lassen wir es aber endgültig mit den Vergleichen sein!

Wie die Aufmerksamkeit von Menschen auf digitalen Oberflächen gezielt gelenkt werden kann, darüber werden wir in einem weiteren Blogbeitrag berichten.

Quellen:

Benartzi, Shlomo (2017). The smarter screen: Surprising ways to influence and improve online behavior. Penguin.

Iconosquare: https://blog.iconosquare.com/9-social-media-facts-learned-smwldn-2017/

Lindgaard, G., Fernandes, G., Dudek, C., & Brown, J. (2006). Attention web designers: You have 50 milliseconds to make a good first impression!. Behaviour & information technology, 25(2), 115-126.

Reinecke, Katharina & Gajos, Krzysztof (2014). “Quantifying Visual Preferences Around the World”, Human Factors in Computing Systems (CHI).

Your turn.

Wilhelm Schmid

Digital Strategist & Consultant

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